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Die Poesie der Stille

"Rue de Paris reflektieren Momentaufnahmen auf eine übersehene, fast vergessene Welt nah an der Stille, voller schier unwiderstehlich schöner Poesie, Tiefe, bewundernswerter Sensibilität und Intensität des Ausdrucks." (Alexander Schmitz / Jazzpodium) Die Entdeckung und Entwicklung einer ganz eigenen Klangfarbe des Jazz – atmend, ruhig, poetisch – verfolgt Rue Protzer mit seinem Projekt Rue de Paris.

Mit der 2005 entstandenen ersten CD „Quiet Motion“ gelang es auf Anhieb, diesen Anspruch überzeugend und schlüssig umzusetzen. Ruhig gespielte meditative Passagen erzeugen eine außerordentliche emotionale Dichte und Intensität. Das Album ist ein anregendes „Lob der Langsamkeit“ (SPIEGEL / Kulturspiegel), das von der Kritik unumwunden als „Meisterwerk“ (Jazzpodium) gefeiert wurde.

Protzers entspannt schwebender Stil als Solist trägt wesentlich zum Gelingen des Ganzen bei, aber die Aufnahme ist gleichzeitig eine beeindruckende Ensembleleistung. Die „Rue de Paris“-Formation auf „Quiet Motion“ versammelt vier weitere Spitzenmusiker. Der deutsche Ausnahmepianist Thomas Rückert fungiert mit seinen transparenten und intelligenten Phrasierungen als musikalisches alter ego Protzers, während Bassist John Goldsby und Star-Schlagzeuger Adam Nussbaum mit ihrem subtilen Spiel nicht nur solide (und swingende!) Rhythmusarbeit leisten, sondern auch eigenständige Facetten zum Gesamtklang beifügen. Magische Momente verdankt die Aufnahme jedoch nicht zuletzt dem warmen Ton des Flügelhorns von Ack von Rooyen, der als Gast auf zwei Titeln mitwirkt.

Protzer versteht „Rue de Paris“ nicht als radikale Umdeutung, sondern als evolutionäre Weiterentwicklung der Sprache des Jazz, die sich am klassischen Repertoire des Jazz beweisen muss. „Es gibt zwei Alben, die wegweisenden Einfluss auf mich hatten, Keith Jarretts „Standards Vol.1“ und „Vol. 2“. Das ist das Standard-Repertoire, aber sehr offen gespielt, einfach anders als es je zuvor ein Pianist vermochte“.

Die fünf Einspielungen von Jazz-Klassikern auf „Quiet Motion“ (u.a. „Giant Steps“ von John Coltrane und „Crystal Silence“ von Chick Corea) zeigen, dass Protzer als Gitarrist und Bandleader bei aller Bewunderung für Jarrett durchaus eigene Wege geht. Die vier Eigenkompositionen des Albums sind deutlich den Jazz-Traditionen der 50er und 60er Jahre verpflichtet. Aber Protzer ist auch ausgebildeter klassischer Gitarrist, Komponist und Dirigent und als solcher mit der europäischen Musikgeschichte vertraut. Es ist daher wenig verwunderlich, dass er als Komponist (etwa in „Vallée Blanche“) immer wieder das traditionelle Jazz-Idiom um filigrane und fein gewebte Texturen bereichert, die sonst eher in klassischer Kammermusik zu finden sind.

Mit seinem zweiten Album „New York Slow“ (2007) setzt Protzer diesen Weg konsequent fort. Das Album präsentiert wiederum eine Mischung aus fünf Eigenkompositionen und Standards wie „Central Park West“ von John Coltrane, Steve Swallows „Falling Grace“ und „Peace“ von Horace Silver, die als transparente, atmende Kunstwerke interpretiert werden.

Stärker noch als beim Vorgängeralbum begreift Protzer sein Konzept bedächtiger und konzentrierter Improvisation in „New York Slow“ als bewussten Kontrapunkt zum Tempo der Kommunikationsgesellschaft. Er sucht nicht die Idylle in der Nische, sondern stellt sich mit seinem reflektierten Spiel der Gegenwart. Von daher war die Wahl der Avatar Studios in New York als Aufnahmeort nur konsequent. „Der Album-Titel ist ein bewusster Widerspruch zum gängigen Klischee von New York“, sagt Protzer. „Vor den Aufnahmen war ich ein paar Stunden im Central Park. Der Park ist der Gegen-Ort zur pulsierenden Stadt und doch ein nicht wegzudenkender Teil von ihr.“ Dieses Paradox der atmenden Ruhe in der atemlosen Welt bildet den besonderen Reiz der improvisierten Kammermusik von „New York Slow“.

Die Wahl der Musiker spiegelt diesen Willen zur Auseinandersetzung. Neben Jazz-Legende Lee Konitz als Vertreter der lyrischen Tradition spielen auf „New York Slow“ mit Randy Brecker und (wiederum) dem Schlagzeuger Adam Nussbaum auch prominente Künstler mit Wurzeln im Jazz-Rock, die in Protzers entschleunigtem Jazz eine Gelegenheit sehen, für sich selbst musikalisches Neuland zu entdecken.

Das dritte Album „Trois“ ist hingegen deutlich geprägt von der Erfahrung mehrerer ausgedehnter Tourneen im Anschluss an die ersten beiden Veröffentlichungen. Die Stammbesetzung Rue Protzer (g), Adam Nussbaum (dr) und Thomas Rückert (p) wird hier durch den legendären Marc Johnson am Bass, den Flügelhornisten Julian Wasserfuhr und die französischen Sängerin Cecile Verny ergänzt.

Auch die jüngste, diesmal in Den Haag aufgenommene CD ist wie ihre Vorgänger von einer ruhig poetischen Klangfarbe geprägt. Doch die neuen Aufnahmen fügen dem „unverwechselbar warmen“(Süddeutsche Zeitung) „Rue de Paris“-Sound gleichzeitig neue Facetten hinzu - stärkere Kontraste und härtere Konturen und Stücke mit deutlich strafferen Tempi.

Protzers Handschrift als Komponist und Solist ist auf „Trois“ auch dann erkennbar, wenn er ruhig-gesangliche Melodien schnell durch scharfe harmonische Deutungen an formale Grenzen führt. Stücke wie der Opener „Trois“ oder „Cote d´Azur“ zeigen exemplarisch seine Fähigkeit, den meditativen Charakter eines Stücks durch Elemente pulsierender Spannung kontrastierend zu unterstreichen.

Dem stehen die übrigen Bandmitglieder in nichts nach. Adam Nussbaum bietet virtuos das gesamte rhythmische Spektrum zwischen farbenreicher Perkussion und treibenden Grooves. Thomas Rückert erweist sich einmal mehr als musikalisches alter ego Protzers, was sich nicht zuletzt im intensiven Dialog zwischen Piano und Gitarre auf „Le Petit Rien“ zeigt. Besondere Highlights setzen natürlich die Gastmusiker auf „Trois“. Mit Marc Johnson konnte „Rue de Paris“ für diese Aufnahme einen der wichtigsten Jazz-Bassisten der Gegenwart gewinnen. Johnson setzt nicht nur als Begleiter eigenwillige Akzente, sondern trägt auch einige ganz außergewöhnliche Soli bei (z.B. auf „Chaconne“). Die französische Sängerin Cecile Verny wiederum fügt mit ihren präzisen Interpretationen von „La Javanese“ (von Serge Gainsbourg) und „La Mer“ (von Charles Trenet) erstmals Gesang als Stilmittel in den Gruppensound von „Rue de Paris“ ein.

 

 

 


 

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